„Der kleine Roboter und der lange Weg nach Hause“ von Joe Todd-Stanton

Das Buch scheint in einer nahen Zukunft zu spie­len, die Menschen und ihre städ­ti­sche Umgebung wir­ken ver­traut und gleich­zei­tig einen Tick anders, es ist eine eher kar­ge Welt mit gedeck­ten Farben. Ein Hinweis auf eine Zukunft ist, dass Roboter jeg­li­cher Form und Funktion sich ganz selbst­ver­ständ­lich zwi­schen den Menschen bewegen.

Um einen die­ser Roboter dreht sich die Geschichte. Der klei­ne Roboter wacht auf einer Mülldeponie am Rande der Stadt auf, zwi­schen gigan­ti­schen Müllbergen. Er ist kaputt, ihm feh­len Teile und er weiß nicht, wie er an die­sem Ort gelan­det ist. Als er los­läuft, erin­nert er sich all­mäh­lich: dass er ein Geschenk für einen Jungen war und als des­sen bes­ter Freund zur Familie gehör­te. Er sucht und fin­det das Haus des Jungen, sieht, dass er durch einen neu­en Roboter ersetzt wur­de. Daraufhin kehrt er zur Mülldeponie zurück und schläft dort, bis ein Mädchen ihn ent­deckt. Sie und ihre Mutter sam­meln auf der Deponie kaput­te Dinge, um sie zu repa­rie­ren. Sie neh­men den Roboter mit und machen ihn wie­der ganz.

Der Roboter vor und nach der Reparatur ist auf dem Cover des Buchs zu sehen, oben kaputt und grau mit der Mülldeponie im Hintergrund, unten bunt und lächelnd, umge­ben von Bäumen. Mutter und Tochter woh­nen weit von der Stadt ent­fernt, mit­ten in der Natur, super­idyl­lisch zwi­schen See, Wald und Bergen, ihr Haus wirkt gemüt­lich und leben­dig. Die Stadt distan­ziert, die Natur ein­la­dend, ein gro­ßer Kontrast.

Der Text und die Illustrationen sind von Joe Todd-Stanton. Es ist wenig Text, auf den Punkt gebracht, der eine orga­ni­sche Einheit mit den Bildern bil­det, sie brau­chen und ergän­zen ein­an­der. Die Bilder erstre­cken sich oft über eine Seite, sel­ten über eine Doppelseite, manch­mal sind auf einer Seite meh­re­re, klar abge­grenz­te Panels. Auch die inne­ren Umschlagseiten sind illus­triert, es sind sogar jeweils drei, die gleich­falls das Vorher und das Nachher zeigen.

Die Bilder ver­mit­teln eine Grundruhe, eine ange­neh­me Art von Aufgeräumtheit. Dabei sind sie detail­reich und laden zum genaue­ren Hinschauen ein. So tau­chen etwa Mutter und Tochter bereits ein­mal weit vor­ne im Buch auf. Auf zwei Doppelseiten am Anfang wür­de die Müllhalde im Mittelpunkt ste­hen, ihre tris­te, braun­tö­ni­ge Monotonie und schie­re Masse, wenn nicht der klei­ne Roboter in Simultandarstellung durchs Bild lie­fe, mehr­mals nach­ein­an­der auf sei­nem Weg nach drau­ßen. Betrachtet man die ein­zel­nen Momentaufnahmen, wird ersicht­lich, wie mensch­lich der Roboter ist, er hat was von einem klei­nen Kind, ein wenig tap­sig, liebenswürdig.

Es geht also im Kern um Müll und Gefühle. Ohne dass es irgend­wo expli­zit gesagt wird, ist klar: Erstens, Müll ist ein Riesenproblem. Zweitens, Müll ent­steht etwa, wenn Dinge „ein­fach so“ durch neue, ver­meint­lich bes­se­re ersetzt wer­den. Und drit­tens, kaput­te Dinge las­sen sich repa­rie­ren. Dass das „Ding“ in die­sem Fall ein klei­ner Roboter ist, der einen Charakter und Gefühle hat, die man ihm deut­lich ansieht, lädt die Geschichte emo­tio­nal auf, weckt Mitgefühl und Interesse. Dazu kommt, dass es schon Kindergartenkindern und erst recht den erwach­se­nen Vorleserinnen und Vorlesern selbst pas­siert sein kann, dass sie von Verwandten, Bekannten, Freundinnen und Freunden „abge­legt“, „aus­sor­tiert“ und durch ande­re ersetzt wur­den. Es ist somit tröst­lich und ermu­ti­gend, dass es für den klei­nen Roboter ein Happy End gibt, sich die Mutter und die Tochter an sei­nem Tiefpunkt für ihn ent­schie­den haben und er mit ihnen eine neue Familie bekom­men hat.

Dieses Buch ist eine Einladung für Kinder wie für Erwachsene, sich auf eine ein­fa­che, dabei viel­schich­ti­ge Geschichte und wun­der­ba­re Zeichnungen ein­zu­las­sen. Und zu schau­en, was man damit anfan­gen kann, für sich und die Welt, in der wir leben.

Joe Todd-Stanton: Der klei­ne Roboter und der lan­ge Weg nach Hause
Originaltitel: The Lost Robot
Aus dem Englischen von Bernd Stratthaus
Lektorat: Kim Laura Franzke
48 Seiten
ab 4 Jahren
2026 annet­te betz
ISBN 978–3‑219–12117‑9
16 Euro

„Nimm dir endlich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu entschuldigen“ von Saskia Schlemmer

Dieses Buch hat mich ein biss­chen geblitz­dingst. Ich habe aus­gie­big mit ande­ren dar­über gere­det, wäh­rend des Lesens und als ich damit fer­tig war. Aber die Rezension schrei­ben? Blockade, Verdrängung, Prokrastination. Anscheinend muss­te sich das Ganze erst mal set­zen. Es ist har­ter Tobak. Nichts wirk­lich Neues, aber in der Zusammenstellung und Konsequenz durch­aus auf­rüt­telnd. In einem sehr posi­ti­ven Sinne.

Es rich­tet sich an Frauen, die mit einem Mann ver­hei­ra­tet sind, in einer ehe­ähn­li­chen Beziehung leben oder das für die Zukunft wol­len, ob mit Kind(ern) oder ohne. An sie geht via Buchtitel und in 27 Kapiteln auf rund 240 Seiten die Botschaft raus: „Nimm dir end­lich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu ent­schul­di­gen“. Wie das funk­tio­niert? Indem frau ihre Rechte kennt, Einbußen erkennt und die Einbußen fair aus­glei­chen lässt. Darum dreht sich das Buch im Kern. Es ist gut zugäng­lich, fun­diert, nütz­lich und inspiriert.

Das Buch ist gut zugänglich

Die Kapitel sind über­sicht­lich, eher unter als über zehn Seiten, haben teils Zwischenüberschriften. Die Sprache ist klar und ver­ständ­lich. Die Autorin duzt die Leserin und nimmt kein Blatt vor den Mund. Auch sonst bewegt sie sich auf Augenhöhe, teilt etwa eige­ne Erfahrungen als Berufstätige und Mutter.

Bereits im Vorwort schreibt sie, dass es nicht das eine rich­ti­ge Lebensmodell und die eine Wahrheit gibt, dem­entspre­chend bewer­tet und ver­ur­teilt sie indi­vi­du­el­le Entscheidungen nicht. Diese Art von Respekt zusam­men mit einer ordent­li­chen Portion Empathie dürf­te es den Leserinnen erleich­tern, am Ball zu bleiben.

Das Buch ist fundiert

Die Autorin ist Rechtsanwältin und aus­schließ­lich im Familienrecht tätig, in den Bereichen Scheidung und Eheverträge. Hierzu hat sie pro­fun­des Fachwissen und aus ihren Mandaten Einblicke in ver­schie­dens­te Lebensrealitäten und ‑model­le. Geschichten ihrer Mandantinnen zei­gen ein­drück­lich, dass es ein Muss für Frauen ist, sich vor und in der Ehe für ihre (finan­zi­el­le) Unabhängigkeit einzusetzen.

Ihre Argumentation hat Hand und Fuß. So nennt sie ein Kapitel „Das Märchen von der Gleichberechtigung“ und belegt gründ­lich, dass Gleichberechtigung zwi­schen Mann und Frau nicht exis­tiert, von Gender Pay Gap über Gender Care Gap bis Altersarmut, die weib­lich ist – jede fünf­te Frau in Deutschland ist davon betroffen.

Das Buch ist nützlich

Jede drit­te Ehe in Deutschland wird geschie­den. Also ist ein Buch, das Frauen par­tei­isch und zuge­wandt über Konsequenzen von Ehe, Eheverträgen, Kindern, Scheidung infor­miert, Gold wert. Ist ein klas­si­scher Ehevertrag fair für die Frau? Sind Karriere und Familie für Frauen ver­ein­bar? Wird bei Scheidungen tat­säch­lich „ein­fach mit allem fünf­zig-fünf­zig gemacht“? Hat die wirt­schaft­lich schwä­che­re Person, meist die Frau, im Familienrecht das glei­che Standing wie der Mann? Die Antworten kann frau sich schon den­ken. Das auf den Punkt gebracht und unmiss­ver­ständ­lich zu lesen, rüt­telt auf.

Die Autorin bie­tet zudem jede Menge lebens­na­he, prak­ti­sche Tipps zu Themen wie Intuition, Grenzensetzen und Neinsagen, Partnerwahl und Red Flags. Vor allem sieht und nennt sie expli­zit, was Frauen in die­ser Gesellschaft, in der sie struk­tu­rell benach­tei­ligt sind, leis­ten, sie wert­schätzt es. Das moti­viert und baut auf, es bestärkt die Leserin dar­in, ihren Wert zu (er-)kennen, Eigenverantwortung zu über­neh­men, für ihre Rechte ein­zu­tre­ten und sie ein­zu­for­dern – ohne sich dafür zu ent­schul­di­gen oder rechtfertigen.

Das Buch inspiriert

Schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis am Anfang des Buches kann inspi­rie­ren, die Kapitelüberschriften sind Statements, Botschaften und Aufforderungen an die Leserin, ins Tun zu kom­men, oft mit direk­ter Anrede: „Es wird dich nie­mand ret­ten“, „Warum du dich selbst an die ers­te Stelle set­zen musst“, „Fang an, Forderungen zu stel­len“, „Nein, wir wol­len kein fifty-fifty“.

Nehmen wir das Kapitel zu „fif­ty-fif­ty“. Darin führt die Autorin aus, dass es gera­de kei­ne Gleichberechtigung ist, wenn Frauen nun über­all die Hälfte zah­len oder sich in sämt­li­chen Lebensbereichen zu glei­chen Teilen wie Männer ein­brin­gen sol­len. „Fifty-fif­ty“ sei auch bei der Vermögensaufteilung bei einer Scheidung nicht fair (genug), Stichwort Care-Arbeit, Mental Load und Nachteile, die Frauen von Natur aus gegen­über Männern haben – Periode, Verhütung, Schwangerschaft, Geburt, Wechseljahre usw. Deren Auswirkungen auf Körper, Psyche sowie Finanzen sind für Frauen Normalität und ten­den­zi­ell Selbstverständlichkeiten. (Ehe-)Männer müs­sen sich damit aller­dings nicht aus­ein­an­der­set­zen, dem­nach soll­te es kom­pen­siert werden.

Mein Fazit: unbe­dingt lesen.

Saskia Schlemmer: Nimm dir end­lich, was dir zusteht – und hör auf, dich dafür zu entschuldigen
240 Seiten
2026 Mosaik Verlag
ISBN 978–3‑442–39464‑7
20 Euro

„Der Ballkönig“ von Chris Becker und Dan Taylor

„Der Ballkönig“ basiert auf dem Märchen vom Aschenputtel. Wenn man ein­mal anfängt, dar­über zu lesen, kann man damit wirk­lich viel Zeit ver­brin­gen. In Deutschland kennt man „Aschenputtel“ aus den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm. Aschenputtel hat eine Stiefmutter, zwei Stiefschwestern, geht drei Mal auf den Ball, die Kleider dafür lie­fert ein wei­ßer Vogel aus einem Haselstrauch, der Schuh passt nur ihr und am Ende hei­ra­tet sie den Prinzen. Wie so oft bei den Brüdern Grimm ist das Märchen stel­len­wei­se ziem­lich bru­tal, so hacken sich die Stiefschwestern einen Zeh bzw. die Ferse ab, damit der Fuß in den Schuh passt, das Blut quillt her­aus. Genauso bekannt oder viel­leicht bekann­ter ist der tsche­chisch-deut­sche Film „Drei Haselnüsse für Aschenbrödel“ von 1973. Aschenbrödel begeg­net dem Prinzen drei Mal in ver­schie­de­nen Situationen, die pas­sen­de Kleidung dafür fällt aus drei Haselnüssen und schluss­end­lich kommt sie mit dem Prinzen zusammen.

Älter als das Grimm’sche „Aschenputtel“ ist die fran­zö­si­sche Variante „Cendrillon“ von Charles Perrault. Hier gibt es eine Fee, die Aschenputtel aka Cendrillon hilft und etwa aus einem Kürbis eine Kutsche zau­bert. Diese zwei Motive hat Disneys Zeichentrickfilm „Cinderella“ von 1950 auf­ge­grif­fen. Der Stoff ist äußerst beliebt, es exis­tie­ren unzäh­li­ge Versionen davon. Gemeinsam dürf­te allen sein, dass eine arme, unter­drück­te Person mit mehr oder weni­ger Glück, Magie und Eigeninitiative in eine pri­vi­le­gier­te Position auf­steigt und glück­lich wird, gern mit dem „Märchenprinzen“.

„Der Ballkönig“ ori­en­tiert sich an „Cinderella“, die gute Fee ist hier ein „magi­scher Elfmeterich“ mit Trillerpfeife, das Ballkleid ein Fußballtrikot und der Ball im Schloss ein Fußballturnier. Aschenputtel bzw. Cinderella ist ein klei­ner fuß­ball­be­geis­ter­ter Junge namens Leo, der in einem ver­traut wir­ken­den Jetzt lebt, in dem Magie mög­lich ist. Leo muss alle Hausarbeit machen, von put­zen bis Wäsche waschen, sei­ne zwei Brüder spie­len wäh­rend­des­sen die gan­ze Zeit Fußball. Als eine Einladung aus dem Schloss zum Fußballturnier des Prinzen kommt, will Leo unbe­dingt hin. Kann aber nicht, da zu viel Hausarbeit zu erle­di­gen ist. Natürlich klappt es trotz­dem mit dem Turnier, Leo lie­fert und ver­schwin­det schnell, als sich die magi­schen Dinge zurück­ver­wan­deln. Einen Fußballschuh hat er aller­dings beim Torschießen ver­lo­ren … Findet der Prinz mit­hil­fe des Schuhs den Superspieler, damit er auch in Zukunft in sei­ner Mannschaft mitspielt?

Das Buch misst rund acht­und­zwan­zig mal acht­und­zwan­zig Zentimeter, ein rela­tiv gro­ßes, aber noch hand­li­ches Format. Mal geht eine Zeichnung über eine Doppelseite, mal sind meh­re­re Panels auf einer Seite. Letzteres ist gera­de beim Fußballturnier per­fekt, um Bewegung und Action rein­zu­brin­gen. Die Bilder sind abwechs­lungs­reich, es gibt viel zu ent­de­cken. Sie haben eine ange­neh­me Grundruhe, unter ande­rem durch die zwar bun­te, jedoch etwas gedeck­te Farbgebung. Tiere kom­men vor, auch wenn sie kei­ne magi­sche Rolle spie­len und nicht spre­chen kön­nen. Eine nied­li­che Katze oder ein knuf­fi­ger Hund sind in etli­chen Bildern und kön­nen beim Vorlesen oder Selbstangucken des Buches gesucht wer­den. Das Fußballmärchen kon­zen­triert sich auf die Kinder, die ein­zi­gen zwei Erwachsenen sind die Schiedsrichterin und der magi­sche Elfmeterich, Leos Eltern bei­spiels­wei­se tau­chen nicht auf. In der Rahmenhandlung ist aller­dings Leo selbst erwach­sen, er erzählt sein als Kind erleb­tes Fußballmärchen sei­nem Sohn als Einschlafgeschichte. Und Papa Nummer zwei sagt spä­ter auch noch gute Nacht …

„Der Ballkönig“ ist aus dem Englischen über­setzt, der Originaltitel lau­tet „The Perfect Match“. Beide Titel fin­de ich super, schön spie­le­risch, mit Bezug auf Aschenputtel und Fußball – Volltreffer, sozu­sa­gen. Die Texte sind kurz und auf den Punkt gebracht, die Schrift hat eine kom­for­ta­ble Größe und har­mo­niert mit den Bildern. Die Fußballmannschaft, in der Leo und der Prinz spie­len, heißt „Lila Ritter“ bzw. „Purple Knights“. Lila, genau­er Purpur, ist ja die Farbe der Könige und „Purple“ gilt auch als wich­ti­ge que­e­re Farbe. Divers sind die zwei Kinderfußballmannschaften, mit Kids of Colour, Mädchen und Jungen kicken zusam­men, einer trägt eine Brille und eine ein Hörgerät. Ein Buch also, das ganz unter­schied­li­che Familien anspre­chen dürf­te und natür­lich vor allem sol­che mit Kindern, die Fußball lie­ben, so wie Ballkönig Leo.

Der Ballkönig. Ein Fußballmärchen
Originaltitel: The Perfect Match
Text: Chris Becker
Illustrationen: Dan Taylor
Aus dem Englischen von Oliver Schlick
Lektorat: Judith Schumacher
40 Seiten
ab 4 Jahren
2026 annet­te betz
ISBN 978–3‑219–12115‑5
16 Euro